Hallo zusammen,
Hallo Thomas
Das ist eine interessante Frage. Wir leben in einer hoch technisierten und rationalisierten Gesellschaft, deren Mitglieder dazu neigen, Gedanken an Tod und Sterben auszublenden. Das ändert sich gerade ein wenig, da die Palliativmedizin auf dem Vormarsch ist. Dass der Tod zum Leben gehört, ist aber eine Binsenweisheit. In D sterben pro Jahr über 800.000 Menschen. Trauerreaktionen kommen also häufig vor, und das ist vollkommen normal. Menschen, die trauern, zeigen dabei ganz unterschiedliche Verhaltensweisen, die teils auch ungewöhnlich erscheinen können. In der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) ist es aber weitgehend Konsens, dass man jede Art der Trauer zunächst als normal betrachtet (ich bin zufällig Fachkraft für PSNV). Trauer ist eine Lebensphase, die man durchleben muss. Man spricht auch von Trauerarbeit. Eine gesunde Umgehung der Trauer gibt es nicht. Deshalb werden in aller Regel auch keine Beruhigungsmittel eingesetzt. Wie rescueman112 schon sagte: Es nützt nichts. Es verlängert und verkompliziert wahrscheinlich lediglich die Trauerarbeit.
Menschen, die trauern, haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Dies liegt an den mannigfaltigen kulturellen und auch individuellen Eigenschaften der Menschen. Ein Patentrezept kann es deshalb nicht geben. Auch die verbreitete Ansicht, dass man trauernde Menschen nicht allein lassen dürfe, teile ich nicht. Menschen, die hochgradig introvertiert sind, wollen oft alleine trauern, und das sollten wir respektieren. Ich würde auch sonst meine Ansichten über Tod und Sterben nicht kritiklos auf die Angehörigen übertragen, weil ich in der Regel nicht weiß, welche religiösen Hintergründe oder Überzeugungen die Betroffenen haben. Deshalb frage ich einfach: Was können wir/kann ich für Sie tun? Ich frage grundsätzlich auch, ob jemand eine PSNV überhaupt wünscht, bevor ich sie anfordere.
Das PSNV-Team hat vor Ort im Wesentlichen die Aufgabe, die Betroffenen temporär zu unterstützen und deren soziales Netz zu aktivieren. Wenn der Freundeskreis oder die Familie bereits anwesend ist, ist ein PSNV-Team oft überflüssig. Oft ist auch das Verbleiben des Rettungsdienstes nach dem Todesfall nicht erforderlich. Eine gewöhnliche Trauerreaktion braucht normalerweise keinen RTW und keinen Notarzt. Ausnahmen bestätigen die Regel. PSNV ist dabei eine Art Sammelbezeichnungen für unterschiedliche Dienste wie Notfallseelsorge, Krisenintervention etc..
Ich selbst vermeide nach Möglichkeit jegliche Floskeln. Ich sage nicht: "Herzliches Beileid" oder "Ich wünsche Ihnen viel Kraft". Stattdessen höre ich auf mein Bauchgefühl und kommuniziere ehrlich und spontan mit den Menschen. Was ich selbst dabei sage, ist nicht so wichtig. Viel wichtiger ist es, einfach da zu sein und vor allem zuzuhören. Ein guter Zuhörer (das muss und kann man trainieren) ist einfach empathisch und nimmt sich selbst weitgehend zurück. Einem guten (und geduldigen) Zuhörer etwas zu erzählen und sich dabei wirklich verstanden zu fühlen entlastet ungemein.
Für Laien haben Lasogga und Gasch, zwei Psychologen, die sich mit psychischen Notfallsituationen beschäftigen, die 4S-Regel entwickelt, die Tipps gibt:
Sage, dass Du da bist und dass etwas geschieht (bzw. sage, was geschieht).
Schirme den Betroffen ab (von Zuschauern oder belastenden Eindrücken)
Suche vorsichtig Körperkontakt (Hand, Schulter. Nur, wenn ich glaube, dass es passt. Wenn die betroffene Person das abwehrt, sofort aufhören. Körperkontakt hat aber erwiesenermaßen eine starke, beruhigende Wirkung)
Sprich und höre zu (Meiner Meinung nach ist das Zuhören am wichtigsten. Ältere Menschen erzählen oft gerne über die verstorbene Person, manchmal über einem Fotoalbum).
Was wir sonst noch tun können
Von Vorteil ist auch noch, sonstige Bedürfnisse der Betroffenen zu berücksichtigen: Essen und trinken zum Beispiel. Etwas zu essen und zu trinken holt die Menschen für eine Weile ins hier und jetzt. Eine angenehme Temperatur und Ruhe sind ebenfalls hilfreich.
Wir können der verstorbenen Person (wenn es möglich ist) noch einen Dienst erweisen, indem wir sie (nach Zustimmung des Notarztes) reinigen und an einen Ort der Wahl legen (Bett, Sofa etc. In diesem Falle am besten ein flüssigkeitsdichtes Laken unterlegen). Man kann die Angerhörigen auch fragen, ob sie eine Kerze anzünden oder die Hände des Verstorbenen falten möchten oder Ähnliches. Das würde ich aber nie aus eigener Initiative einfach tun. Psychologisch ist es von Vorteil, wenn die Angehörigen dabei helfen. Das gibt das Gefühl, noch etwas für die verstorbene Person tun zu können (Ungewissheit, Hilflosigkeit und Kontrollverlust sind nachteilig).
Letzteres gilt auch, wenn die Reanimation noch läuft. Es ist inzwischen weitgehend Konsens, dass Angehörige zusehen und helfen können sollen, wenn sie das wünschen (Infusion halten, Unterlagen suchen, vielleicht auch Herzmassage). Ideal ist es, wenn ein Mitglied des Teams die Maßnahmen in Echtzeit erklären kann. Dabei sollte man ehrlich sein und sich klar und verständlich ausdrücken. Das gilt auch für die Todesnachricht, wenn man die Reanimation ohne Erfolg einstellt. Wir verzichten in diesem Falle auf beschönigende Ausrücke wie "entschlafen" oder "verblichen". Wir sagen den Angehörigen stattdessen ausdrücklich, dass der Patient tot ist. Das klingt hart, erleichtert aber langfristig die Verarbeitung des Todesfalles.
Abschließend würde ich noch einmal empfehlen, einfach ehrlich und empathisch zu kommunizieren (Wie Carl Rogers sagt: Kongruent). Es hilft, wenn man sagt: "Ich weiß jetzt nicht, was ich ihnen sagen soll. Ich fühle mich gerade auch selbst ziemlich hilflos". Dass Du den Angehörigen bestimmte Fragen nicht beantworten kannst, ist dann halt einfach so, und das passiert mir auch. Wenn ich mit dem NEF an der Einsatzstelle bin und Angehörige fragen mich, ob sie mitfahren können, dann sage ich auch: Da muss ich die RTW-Besatzung fragen, denn die entscheiden das.