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Umgang mit Angehörigen

Thomas B

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KATRETTER
HiOrg
Freiwillige Feuerwehr
Region
Bergstraße (Landkreis)
Qualifikation
Ersthelfer:in (EH)
Hallo zusammen,
ein Thema was mich immer wieder beschäftigt ist der bestmögliche Umgang mit Angehörigen. Auch wenn man "nur" Ersthelfer ist, ist man doch mitten im Geschehen und wird teilweise als normale Einsatzkraft gesehen:
Bei einer Reanimation wurde ich von der Ehefrau gefragt, ob sie den Patienten ins Krankenhaus begleiten könne. Ein anderes Mal stand ich neben der Tochter, als das Team das Ende der Maßnahmen beschlossen hatte.

Mein Problem bestand in beiden Situationen darin, dass ich nicht wusste, was ich sagen oder machen sollte, außer auf die höher qualifizierten Personen zu verweisen.

Daher meine Frage, wie geht ihr mit Angehörigen um, sprecht ihr nur euer Beileid aus, oder betreut ihr Sie bis Notfallseelsorge, oder Angehörige da sind?

Natürlich gibt es da keine 1:1- Anleitung, aber vielleicht kann jeder aus den Tipps was mitnehmen
 
Immer Einfühlung zeigen, aber nicht lügen. Es wird versucht eine würdevolle Lage herzustellen und - das ist historisch gewqachen - das Fenster wird immer auf Kipp gestellt, damit die Seele entweichen kann. Das erklärt man den Angwehörigen auch so - egal welcher ethnischen Herkunft - und ist nie falsch.

Angehörige dann weg von der Leiche und betreuen. Ein besonderes Augenmerk bei anwesenden Kindern!

Immer wird schnellstens auf die PSNV hingewiesen und angeboten. Wenn die Angehörigen entsprechend aufgewühlt sind, wird die ungefragt angefordert.
Wichtig zu wissen: Bestellt das Team schnellstmöglich, auch wenn der RD nochnicht da ist! Die Crew braucht bis zu einer Stunde und länger, da alles in der Regel ehrenamtlich und ohne Wegerechte organisiert ist! Holen kann man sich das Team immer über die Leitstelle, dabei auch auf Besonderheiten hinweisen wie Kinder, Sprachbarriere und ähnliches um ein perfektes Team kommen zu lassen.

Wichtig: Hilfe nicht aufdrängen - nicht totlabern - viele wollen einfach nur jemanden haben der da ist

Betreut wird bis zum Eintreffen der PSNV - auch wenn der RD meint eher abziehen zu müssen (was gar nicht geht aber schon vorkam).
 
Hallo,
Mein Rezept für solche Momente/Situationen ist, selbst eine gesunde Einstellung zum Tod zu haben. Er begleitet uns alle und irgendwann holt er uns ein! Auch Dich und mich! Dem kann sich niemand entziehen. Seine Trauer kann einem niemand abnehmen. Man kann die Traurigkeit dämpfen, mit Medikamenten. Andere versuchen dies mit Alkohol. Doch wenn am nächsten Tag die Sonne wieder aufgeht, wird der aus dem Leben geschiedene, nicht zurück gekommen sein. Die Erde dreht sich weiter. Ein weiterer Aspekt, den man für einen Moment einnehmen sollte, ist die Perspektive des Verstorbenen. Hat er jemals über sein "Ableben" gesprochen? Wollte derjenige leiden? Oder war demjenigen ein schnelles Ende die gewünschte Möglichkeit?
Diese - MEINE - Einstellung habe ich versucht, den Hinterbliebenen, mit meinen Worten, näher zu bringen. Mit ehrlichen offenen Worten. Wenn dann eine Gesprächsebene gegeben war, habe ich mich nach dem Verstorbenen erkundigt. Was war er für ein Mensch?
Ich habe solche Gespräche gerne selbst geführt und nicht meiner Notärztin oder meinem Notarzt überlassen. Was qualifiziert einen "höherqualifizierten" in einer solchen Situation? Diesen "Job" macht niemand gerne. Insbesondere wenn es um verstorbene Kinder geht. Ich denke auch, dass man das nicht wirklich lernen kann und wenn, nicht bei jedem im gewünschten Umfang wirkt. Einfach Mensch sein! Deine Worte finden. Und immer selbstkritisch hinterfragen, was ich in so einer Situation von meinem Gegenüber erwarten würde.
 
Guten Morgen,

zuerst möchte ich sagen - DANKE das Du dir darüber Gedanken machst. Das ist leider nicht selbstverständlich. Manche sehen die Angehörigen oder auch Ersthelfer gar nicht, wickeln quasi ihre Lage schnell ab und das war es.

Ich denke, dafür gibt es kein Handbuch und jede Situation ist anders. Aus meiner Erfahrung heraus ist es so, dass, wenn der Tod aufgrund von langer oder schwerer Erkrankung absehbar war sind die Angehörigen vor Ort etwas gefasster und man hat eine andere Basis mit Ihnen zu sprechen, für Sie da zu sein.

Tritt der Fall plötzlich ein, ist es wirklich ein Ausnahmezustand , egal ob Oma, Mama, Kind, Tante gerade verstorben ist. Am wichtigsten finde ich zunächst, die Angehörigen / Ersthelfer möglichst jederzeit im Blick zu haben, auch wenn Sie jegliche Hilfe von uns ablehnen, uns weder in der Nähe haben noch mit uns sprechen wollen. Hier können ziemlich schnell weitere Ausnahmezustände zu Stande kommen, wenn sich niemand dazu berufen fühlt, wenigstens zu beobachten.

Wie meine Vorredner schon geschrieben haben - schnell nachalarmieren, sobald absehbar ist, dass man hier eine Situation hat, die das weitere Leben von Angehörigen stark verändern wird.

Ansonsten muss man glaube ich auch etwas in sich selbst reinhören. Ich denke Du wirst ein Gefühl dafür entwickeln ob und wie man in der Situation da sein kann, bis professionelle Hilfe eintrifft. Und oftmals ist es so, dass es keine großen Worte braucht.

Ich versuche in diesen Situationen einen ruhigen Ort zu finden, frage ob ich etwas tun kann.
- Möchten Sie sich setzen
- kann ich ein Wasser bringen
- ich möchte Sie jetzt nicht allein lassen und bin hier die ganze Zeit bei Ihnen. Wenn Sie etwas benötigen oder sprechen wollen bin ich für Sie da, wenn Sie Ruhe brauchen und nicht sprechen wollen, dann respektiere ich das, bleibe aber trotzdem bei Ihnen. Sie sind jetzt nicht allein

Danke, für deinen Einsatz.
Und ich hoffe, dass Du aber auch jeder andere einen guten Weg auch für sich selbst findet, diese Einsätze zu bewältigen, für andere da zu sein aber insbesondere auch selbst mit dem Erlebten zurecht zu kommen.
 
Hallo zusammen,
Hallo Thomas


Das ist eine interessante Frage. Wir leben in einer hoch technisierten und rationalisierten Gesellschaft, deren Mitglieder dazu neigen, Gedanken an Tod und Sterben auszublenden. Das ändert sich gerade ein wenig, da die Palliativmedizin auf dem Vormarsch ist. Dass der Tod zum Leben gehört, ist aber eine Binsenweisheit. In D sterben pro Jahr über 800.000 Menschen. Trauerreaktionen kommen also häufig vor, und das ist vollkommen normal. Menschen, die trauern, zeigen dabei ganz unterschiedliche Verhaltensweisen, die teils auch ungewöhnlich erscheinen können. In der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) ist es aber weitgehend Konsens, dass man jede Art der Trauer zunächst als normal betrachtet (ich bin zufällig Fachkraft für PSNV). Trauer ist eine Lebensphase, die man durchleben muss. Man spricht auch von Trauerarbeit. Eine gesunde Umgehung der Trauer gibt es nicht. Deshalb werden in aller Regel auch keine Beruhigungsmittel eingesetzt. Wie rescueman112 schon sagte: Es nützt nichts. Es verlängert und verkompliziert wahrscheinlich lediglich die Trauerarbeit.

Menschen, die trauern, haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Dies liegt an den mannigfaltigen kulturellen und auch individuellen Eigenschaften der Menschen. Ein Patentrezept kann es deshalb nicht geben. Auch die verbreitete Ansicht, dass man trauernde Menschen nicht allein lassen dürfe, teile ich nicht. Menschen, die hochgradig introvertiert sind, wollen oft alleine trauern, und das sollten wir respektieren. Ich würde auch sonst meine Ansichten über Tod und Sterben nicht kritiklos auf die Angehörigen übertragen, weil ich in der Regel nicht weiß, welche religiösen Hintergründe oder Überzeugungen die Betroffenen haben. Deshalb frage ich einfach: Was können wir/kann ich für Sie tun? Ich frage grundsätzlich auch, ob jemand eine PSNV überhaupt wünscht, bevor ich sie anfordere.

Das PSNV-Team hat vor Ort im Wesentlichen die Aufgabe, die Betroffenen temporär zu unterstützen und deren soziales Netz zu aktivieren. Wenn der Freundeskreis oder die Familie bereits anwesend ist, ist ein PSNV-Team oft überflüssig. Oft ist auch das Verbleiben des Rettungsdienstes nach dem Todesfall nicht erforderlich. Eine gewöhnliche Trauerreaktion braucht normalerweise keinen RTW und keinen Notarzt. Ausnahmen bestätigen die Regel. PSNV ist dabei eine Art Sammelbezeichnungen für unterschiedliche Dienste wie Notfallseelsorge, Krisenintervention etc..

Ich selbst vermeide nach Möglichkeit jegliche Floskeln. Ich sage nicht: "Herzliches Beileid" oder "Ich wünsche Ihnen viel Kraft". Stattdessen höre ich auf mein Bauchgefühl und kommuniziere ehrlich und spontan mit den Menschen. Was ich selbst dabei sage, ist nicht so wichtig. Viel wichtiger ist es, einfach da zu sein und vor allem zuzuhören. Ein guter Zuhörer (das muss und kann man trainieren) ist einfach empathisch und nimmt sich selbst weitgehend zurück. Einem guten (und geduldigen) Zuhörer etwas zu erzählen und sich dabei wirklich verstanden zu fühlen entlastet ungemein.

Für Laien haben Lasogga und Gasch, zwei Psychologen, die sich mit psychischen Notfallsituationen beschäftigen, die 4S-Regel entwickelt, die Tipps gibt:

Sage, dass Du da bist und dass etwas geschieht (bzw. sage, was geschieht).
Schirme den Betroffen ab (von Zuschauern oder belastenden Eindrücken)
Suche vorsichtig Körperkontakt (Hand, Schulter. Nur, wenn ich glaube, dass es passt. Wenn die betroffene Person das abwehrt, sofort aufhören. Körperkontakt hat aber erwiesenermaßen eine starke, beruhigende Wirkung)
Sprich und höre zu (Meiner Meinung nach ist das Zuhören am wichtigsten. Ältere Menschen erzählen oft gerne über die verstorbene Person, manchmal über einem Fotoalbum).

Was wir sonst noch tun können

Von Vorteil ist auch noch, sonstige Bedürfnisse der Betroffenen zu berücksichtigen: Essen und trinken zum Beispiel. Etwas zu essen und zu trinken holt die Menschen für eine Weile ins hier und jetzt. Eine angenehme Temperatur und Ruhe sind ebenfalls hilfreich.

Wir können der verstorbenen Person (wenn es möglich ist) noch einen Dienst erweisen, indem wir sie (nach Zustimmung des Notarztes) reinigen und an einen Ort der Wahl legen (Bett, Sofa etc. In diesem Falle am besten ein flüssigkeitsdichtes Laken unterlegen). Man kann die Angerhörigen auch fragen, ob sie eine Kerze anzünden oder die Hände des Verstorbenen falten möchten oder Ähnliches. Das würde ich aber nie aus eigener Initiative einfach tun. Psychologisch ist es von Vorteil, wenn die Angehörigen dabei helfen. Das gibt das Gefühl, noch etwas für die verstorbene Person tun zu können (Ungewissheit, Hilflosigkeit und Kontrollverlust sind nachteilig).

Letzteres gilt auch, wenn die Reanimation noch läuft. Es ist inzwischen weitgehend Konsens, dass Angehörige zusehen und helfen können sollen, wenn sie das wünschen (Infusion halten, Unterlagen suchen, vielleicht auch Herzmassage). Ideal ist es, wenn ein Mitglied des Teams die Maßnahmen in Echtzeit erklären kann. Dabei sollte man ehrlich sein und sich klar und verständlich ausdrücken. Das gilt auch für die Todesnachricht, wenn man die Reanimation ohne Erfolg einstellt. Wir verzichten in diesem Falle auf beschönigende Ausrücke wie "entschlafen" oder "verblichen". Wir sagen den Angehörigen stattdessen ausdrücklich, dass der Patient tot ist. Das klingt hart, erleichtert aber langfristig die Verarbeitung des Todesfalles.

Abschließend würde ich noch einmal empfehlen, einfach ehrlich und empathisch zu kommunizieren (Wie Carl Rogers sagt: Kongruent). Es hilft, wenn man sagt: "Ich weiß jetzt nicht, was ich ihnen sagen soll. Ich fühle mich gerade auch selbst ziemlich hilflos". Dass Du den Angehörigen bestimmte Fragen nicht beantworten kannst, ist dann halt einfach so, und das passiert mir auch. Wenn ich mit dem NEF an der Einsatzstelle bin und Angehörige fragen mich, ob sie mitfahren können, dann sage ich auch: Da muss ich die RTW-Besatzung fragen, denn die entscheiden das.
 
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